Kreislaufwirtschaft mal anders gedacht
Holy Shit: Warum das, was wir runterspülen, eigentlich viel zu wertvoll ist
Toilettenpapier, Spülung, Deckel zu – und das Thema ist erledigt. Zumindest für uns. Doch was danach passiert, ist überraschend spannend. Das Buch Holy Shit – Der Wert unserer Hinterlassenschaften von Annette Jensen zeigt, warum unser heutiges Sanitärsystem zwar hygienisch und komfortabel ist, aus Sicht geschlossener Stoffkreisläufe aber einige ziemlich grundlegende Fragen aufwirft.
Aus den Augen, aus dem Sinn
Die moderne Toilette ist eines dieser Dinge, über die wir normalerweise kaum nachdenken. Wir drücken auf die Spülung und innerhalb weniger Sekunden verschwindet alles aus unserem direkten Lebensumfeld.
Hygienisch betrachtet war diese Entwicklung ein enormer Fortschritt. Kanalisation und Abwasserreinigung haben insbesondere in wachsenden Städten entscheidend dazu beigetragen, menschliche Ausscheidungen sicher abzutransportieren und Krankheiten einzudämmen.
Gleichzeitig basiert das System auf einem erstaunlichen Prinzip: Wir verwenden hochwertiges Trinkwasser, um menschliche Ausscheidungen zu verdünnen und anschließend über kilometerlange Leitungen zu Kläranlagen zu transportieren.
Nach Angaben des Umweltbundesamts nutzt jede Person in Deutschland durchschnittlich rund 126 Liter Trinkwasser pro Tag im Haushalt. Ein großer Teil davon entfällt auf Reinigung, Körperpflege und Toilettenspülung.
Genau an diesem Punkt setzt Holy Shit an. Das Buch stellt eine einfache, aber ziemlich grundlegende Frage:
Was wäre, wenn das, was wir heute als Abfall behandeln, eigentlich ein Rohstoff wäre?
Was in unseren Ausscheidungen steckt
Urin und Fäkalien bestehen nämlich nicht einfach nur aus Stoffen, die wir loswerden müssen. Sie enthalten unter anderem Stickstoff, Phosphor, Kalium und organische Bestandteile.
Genau diese Nährstoffe spielen auch in der Landwirtschaft eine zentrale Rolle. Pflanzen benötigen sie für ihr Wachstum. Über unsere Nahrung nehmen wir diese Stoffe auf, ein Teil davon wird anschließend wieder ausgeschieden.
Biologisch betrachtet liegt deshalb eigentlich ein Kreislauf nahe:
Pflanzen nehmen Nährstoffe aus dem Boden auf. Menschen und Tiere essen die Pflanzen. Die Nährstoffe gelangen in den Körper und werden später wieder ausgeschieden. Anschließend könnten sie erneut in landwirtschaftliche Systeme zurückkehren.
In unserem heutigen Sanitärsystem passiert genau das allerdings nur sehr eingeschränkt.
Aus einem Kreislauf wurde eine Einbahnstraße
Historisch wurden menschliche und tierische Ausscheidungen vielerorts als Dünger genutzt. Mit dem Wachstum moderner Städte, der Verbreitung von Kanalisation und der Entwicklung industrieller Düngemittel änderte sich das grundlegend.
Vereinfacht gesagt entstanden zwei voneinander getrennte Systeme:
- Die Landwirtschaft erhält Nährstoffe über Dünger.
- Menschliche Ausscheidungen gelangen über die Kanalisation zur Kläranlage.
Der direkte Kreislauf zwischen Landwirtschaft, Ernährung und menschlichen Ausscheidungen wurde damit weitgehend unterbrochen.
Genau diesen Bruch beschreibt Annette Jensen in Holy Shit. Das Buch beschäftigt sich deshalb nicht nur mit Toiletten, sondern auch mit Landwirtschaft, Bodenfruchtbarkeit, Wasserwirtschaft und der Frage, wie Ressourcen möglichst lange in Kreisläufen gehalten werden können.
Warum Phosphor dabei besonders interessant ist
Ein gutes Beispiel ist Phosphor. Der Nährstoff ist für Pflanzen, Tiere und Menschen unverzichtbar und spielt unter anderem beim Pflanzenwachstum eine zentrale Rolle.
In der Landwirtschaft wird Phosphor deshalb unter anderem über mineralische Düngemittel zugeführt. Gleichzeitig gelangt Phosphor über unsere Ernährung in den menschlichen Körper und später über Ausscheidungen ins Abwasser.
Das Umweltbundesamt beziffert das jährliche Phosphorreservoir im kommunalen Abwasser Deutschlands auf mehr als 70.000 Tonnen. Rund 65.000 Tonnen davon finden sich demnach im Klärschlamm wieder.
Das ist längst nicht mehr nur eine theoretische Diskussion. Die 2017 novellierte Klärschlammverordnung sieht vor, dass ab 2029 für bestimmte Klärschlämme eine Phosphorrückgewinnung verpflichtend wird.
Der Gedanke dahinter: Einen wertvollen Nährstoff nicht einfach verlieren, sondern wieder nutzbar machen.
Das eigentliche Problem beginnt beim Vermischen
Einer der interessantesten Gedanken aus Holy Shit ist deshalb: Unsere Ausscheidungen sind nicht automatisch das Problem.
Schwierig wird es vor allem dadurch, dass wir sehr unterschiedliche Stoffströme miteinander vermischen.
Urin und Fäkalien treffen auf Spülwasser, Duschwasser, Waschmaschinenwasser, Reinigungsmittel und zahlreiche weitere Stoffe. Je nach Abwassersystem kommen noch weitere Einträge hinzu.
Anschließend entsteht ein großer, stark verdünnter Abwasserstrom, aus dem wir mit erheblichem technischen Aufwand wieder unerwünschte Stoffe entfernen und einzelne Wertstoffe zurückgewinnen.
Das funktioniert – und moderne Kläranlagen leisten dabei enorm viel. Gleichzeitig stellt sich aus Sicht der Kreislaufwirtschaft eine andere Frage:
Könnte es sinnvoller sein, bestimmte Stoffe gar nicht erst miteinander zu vermischen?
Die Toilette der Zukunft könnte Stoffe trennen
Genau hier kommen alternative Sanitärsysteme ins Spiel.
Dazu gehören beispielsweise Trockentrenntoiletten oder Systeme, bei denen Urin separat erfasst wird. Statt alles gemeinsam mit mehreren Litern Wasser durch die Kanalisation zu schicken, entstehen getrennte und deutlich konzentriertere Stoffströme.
Das kann die anschließende Aufbereitung und Rückgewinnung bestimmter Nährstoffe erleichtern.
Für viele klingt eine Trockentrenntoilette zunächst nach Campingplatz oder Festival. Moderne Systeme verfolgen aber einen ganz anderen Ansatz: Sie versuchen, Komfort, Hygiene und Ressourcennutzung miteinander zu verbinden.
Ob solche Systeme künftig in großem Maßstab eingesetzt werden, ist eine offene Frage. Unsere heutige Kanalisation ist über Jahrzehnte gewachsen, Millionen Gebäude sind daran angeschlossen und Kläranlagen sind auf bestehende Stoffströme ausgelegt.
Ein kompletter Umbau lässt sich also nicht einfach über Nacht umsetzen. Spannend ist aber die grundsätzliche Idee dahinter.
Was wäre, wenn Häuser Dünger produzieren?
Holy Shit denkt diesen Ansatz noch weiter.
Ein Gebäude könnte künftig nicht ausschließlich Wasser verbrauchen und Abwasser produzieren. Es könnte Teil eines lokalen Stoffkreislaufs werden.
Denkbar wären Systeme, in denen unterschiedliche Abwässer getrennt behandelt, Wasser teilweise wiederverwendet und Nährstoffe zurückgewonnen werden.
Aus einem Haus, das heute hauptsächlich Abwasser an die Kanalisation abgibt, könnte so ein Ort werden, an dem Rohstoffe gesammelt und aufbereitet werden.
Im Buch trägt eines der Kapitel deshalb den passenden Titel „Häuser, die Dünger erzeugen“.
Und was hat das mit Kreislaufwirtschaft zu tun?
Bei Kreislaufwirtschaft denken wir meistens zuerst an Recycling: Eine Flasche wird eingeschmolzen, Papier wird aufbereitet, Metall erneut verwendet.
Doch Kreislaufwirtschaft beginnt eigentlich früher.
Sie fragt bereits beim Aufbau eines Produkts oder Systems: Wie können Materialien möglichst lange genutzt werden? Wie lassen sich unterschiedliche Stoffe so behandeln, dass sie später erneut eingesetzt werden können? Und wie verhindern wir, dass aus einem Rohstoff unnötig Abfall entsteht?
Genau deshalb ist das Sanitärsystem ein so spannendes Beispiel.
Wenn wir verschiedene wertvolle Stoffe erst miteinander vermischen und später wieder aufwendig voneinander trennen müssen, ist das technisch beeindruckend – aber nicht zwangsläufig die einfachste Form eines Kreislaufs.
Und was hat Toilettenpapier damit zu tun?
Toilettenpapier spielt in Holy Shit nicht die Hauptrolle. Trotzdem gibt es eine interessante Verbindung.
Hygienepapiere sind für den Papierkreislauf ein Sonderfall: Nach der Nutzung können ihre Fasern in der Regel nicht erneut als Papier recycelt werden. Toilettenpapier gelangt beispielsweise über die Kanalisation aus dem Papierkreislauf.
Das Umweltbundesamt empfiehlt deshalb für Toilettenpapier und andere Hygienepapiere Produkte aus 100 Prozent Recyclingpapier.
Eine vom Umweltbundesamt veröffentlichte Ökobilanz für grafische Papiere und Hygienepapiere kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass Recyclingpapier in fast allen untersuchten Umweltwirkungskategorien Vorteile gegenüber Frischfaserpapier hat. Im Durchschnitt nennt das Umweltbundesamt für die Herstellung von Recyclingpapier Einsparungen von 78 Prozent Wasser, 68 Prozent Energie und 15 Prozent CO₂-Emissionen gegenüber Frischfaserpapier.
Wichtig dabei: Diese Werte beziehen sich auf die vom Umweltbundesamt untersuchten durchschnittlichen Papierproduktionen und sind keine produktspezifische Ökobilanz eines einzelnen SNYCE-Artikels.
Für uns bei SNYCE ist der dahinterliegende Gedanke trotzdem relevant: Unser Toilettenpapier besteht aus 100 Prozent Recyclingfasern. Damit werden bereits vorhandene Papierfasern für einen weiteren Nutzungsschritt eingesetzt, bevor sie bei Hygienepapieren endgültig aus dem Papierkreislauf ausscheiden.
Vielleicht müssen wir „Abfall“ einfach anders denken
Genau darin liegt vermutlich die spannendste Idee von Holy Shit.
Viele Stoffe sind nicht automatisch Abfall. Sie werden erst dazu, wenn unser System keine sinnvolle weitere Verwendung für sie vorsieht.
Phosphor ist für eine Pflanze kein Abfall. Stickstoff ist kein Abfall. Wasser ist kein Abfall. Und auch eine bereits verwendete Papierfaser ist nicht zwangsläufig wertlos.
Entscheidend ist, ob wir Systeme schaffen, in denen Rohstoffe möglichst lange sinnvoll genutzt werden können.
Die Toilette ist dafür ein überraschend gutes Beispiel. Denn direkt hinter der Spültaste treffen Wasserwirtschaft, Landwirtschaft, Infrastruktur und Kreislaufwirtschaft aufeinander.
Vielleicht lohnt es sich also, beim nächsten Spülen für einen kurzen Moment daran zu denken, dass dort gerade mehr verschwindet als nur das, was wir möglichst schnell loswerden möchten.
Über das Buch „Holy Shit“
Holy Shit – Der Wert unserer Hinterlassenschaften ist ein Sachbuch der Journalistin und Autorin Annette Jensen zum gleichnamigen Dokumentarfilm. Auf 240 Seiten beschäftigt sie sich mit der Kulturgeschichte unserer Sanitärsysteme, gestörten Nährstoffkreisläufen, Bodenfruchtbarkeit und verschiedenen Lösungsansätzen. Ergänzt wird das Buch durch eine Zukunftserzählung von Sina Kamala Kaufmann.
Besonders spannend ist dabei weniger die Frage, ob wir morgen alle unsere Toiletten austauschen sollten. Das Buch fordert vielmehr dazu auf, eines unserer selbstverständlichsten Alltagssysteme einmal völlig neu zu betrachten.
Quellen und weiterführende Informationen
- Umweltbundesamt: Wassernutzung privater Haushalte, zuletzt aktualisiert am 10.09.2024.
- Umweltbundesamt: Öffentliche Abwasserentsorgung, zuletzt aktualisiert am 17.04.2026.
- Umweltbundesamt: Recycling-Toilettenpapier und -Taschentücher schonen die Umwelt, zuletzt aktualisiert am 20.08.2025.
- Umweltbundesamt: Aktualisierte Ökobilanz von Grafik- und Hygienepapier.
- Annette Jensen: Holy Shit – Der Wert unserer Hinterlassenschaften, orange press.
Hinweis: Die im Artikel genannten Umweltkennzahlen zu Recyclingpapier beziehen sich auf die vom Umweltbundesamt untersuchten durchschnittlichen Herstellungsverfahren und stellen keine produktspezifische Ökobilanz einzelner SNYCE-Produkte dar.